Zum Anfang   Konzeptuelle Kunst


Thomas Dreher


Sol LeWitt: "Pyramids" für Joseph Beuys, München 1986



Die Städtische Galerie im Lenbachhaus plante Ende 1985, zum 65. Geburtstag von Joseph Beuys (12.5.1986), eine Ausstellung ihm "zu Ehren" ... Bei der Auswahl Anfang Januar war entscheidend, ob sie für das Kunstschaffen der letzten 10 Jahre als wichtige Repräsentanten gelten und an Orten leben, in denen Joseph Beuys Werke ausgestellt bzw. Aktionen oder Installationen ausgeführt hat, und sich so mit Aspekten von Joseph Beuys´ Oeuvre vertraut machen konnten...Für den an der Auswahl beteiligten Beuys war wichtig, daß nicht nur seine Freunde und Schüler eingeladen werden, sondern auch "Gegner", wie z.B. [Georg] Baselitz. [Joseph Beuys starb am 23.1.1986. Die Ausstellung (16.7.-28.9.1986) enthielt neben "Beuys zu Ehren" einen Werküberblick mit Zeichnungen von Joseph Beuys.] ...

Wall Drawing für Wall Drawing für

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LeWitt, Sol: "Pyramids" für "Beuys zu Ehren", Wandmalerei mit farbigen Tinten im Lenbachhaus, München. Raumgröße: 370 x 375 x 495 cm. Ausgeführt von David Higginbotham und Elisabeth Sacre (Fotosequenz der Wandfolge im Uhrzeigersinn, startend mit der Fensterseite. Der Raum hat Durchgänge in zwei angrenzenden Wänden).

Sol LeWitts Beitrag war ein mit flüchtigen Tuschfarben auf allen Wänden eines kleinen Raumes im Foyer der Lenbachgalerie ausgeführtes "Wall Drawing" aus der Werkserie der "Pyramids". Die zweidimensionalen Varianten dieser Werkserie bestehen aus Additionen meist spitzwinkliger, verschie­denfarbiger Dreiecke. Eine oder zwei ihrer längeren Seiten berühren sich. Die sich berührenden Seiten sind gleich lang und nicht zueinander versetzt. So ergeben sich Formen, die dreidimensional als "Pyramiden" gelesen werden können.
In der Lenbachgalerie begrenzten die Wandunterbrechungen durch zwei Durchgänge und ein Fenster die Möglichkeiten der Lokalisierung der Pyramiden auf den verbleibenden Flächen. Bei geschlossenen Systemen wie den "Forms derived from a cube" verwendet LeWitt ununterbrochene Wandflächen, bei offener Formensyntax wie in den "Pyramids" können alle Gegebenheiten der jeweiligen Wand berücksichtigt werden.
Die Farbgebung geschieht wie folgt: Die vier "Basic Colors" Gelb ("Y"), Rot ("R"), Blau ("B") und Grau ("G") ergeben isoliert für sich und kombiniert mit einer, zwei oder drei anderen Farben einen Index 15 möglicher Farbtöne (s. Kat. Ausst. La grande parade, Stedelijk Museum, Amsterdam 1984, S.211 f.). Jede "Basic Color" kann einfach, doppelt oder dreifach aufgetragen werden. In dem "Working Drawing" für David Higginbotham (Abb. s.u.), der zusammen mit Elizabeth Sacre das "Wall Drawing" ausgeführt hat, gibt LeWitt die Reihenfolge des Farbauftrags so an: für die Farbe eines Hintergrundes z. B. "GGYG". Auf zwei grauen Farbaufträgen bzw. einem Farbauftrag mit soviel An­teilen schwarzer Tusche in Wasser wie es zwei Farbaufträgen entspräche, folgt ein gelber Auftrag, dann wieder ein grauer. Das ergibt grüntoniges Schwarz. Weniger als zwei und mehr als vier Angaben für Farbaufträge gibt es nicht.
In jedem Feld kommt "G" mindestens einmal vor. LeWitt schrieb dazu":

I did not know Joseph Beuys very well. 1 did not try to demonstrate any affinities or differences with his work except for the fact that his work was mostly gray & black and that may have unconsciously determined my choice of colors. (Brief vom 7. 8. 86)

Beuys meinte zu seiner Verwendung von Grau:
Ich habe es ... für richtiger gefunden, farblose Materialien zu nehmen ... Grau könnte man als eine Neutralisierung oder als ein Bild der Neutralisierung im Bereich der Farbigkeit nehmen. Ich nehme dieses Grau, um etwas zu provizieren im Menschen, so etwas wie ein Gegenbild, man könnte fast sagen, den Regenbogen im Menschen zu erzeugen ... (Kat. Ausst. Joseph Beuys, Zeichnungen, Museum Boymans van Beuningen, Rotterdam 1979, S.33)

Beuys' intendierter Rezeption des "Gegenbildes" antwortet in LeWitts Wandgemälde die implizite Aufforderung an den Betrachter, die Augen an den dominierenden Grau-Schwarzton zu akkomodieren, um die einzelnen Farbtöne aus dem Gesamtton isolieren zu können: So ergeben sich bei längerer Betrachtung farbige "Gegenbilder" zum ersten grau-schwarzen Eindruck.
Das System der Farbgebung ist im Unterschied zur offenen Formensyntax ein geschlossenes mit einem begrenzten Set von Möglichkeiten. Innerhalb dieses Sets können Farben für die Felder der "Pyramids" frei gewählt werden. Die Wirkung der Farben des Resultats ist aus der Beschränkung der Wahlfreiheit durch ein geschlossenes System nicht kausal ableitbar. Ebensowenig ist die Differenz zwischen der Geschlossenheit des Farbsystems und der Offenheit des Formensystems erklärbar. LeWitt sprach 1970 bereits von einem "blinden Sprung" aus konstruktiven in irrationale Bereiche (in: Museumjournal 15/2, April 1970, S.147. Am 13. 1. 86 schrieb mir LeWitt, daß für ihn diese Äußerung auch heute noch gültig ist). LeWitt provoziert beim Rezipienten über eine primär syntaktisch orientierte Vorgehensweise "Gegenbilder" zum Rationalen, indem er systemimmanente Regeln als kausal ableitbares und deshalb begrenztes Ganzes, neben dem es noch anderes geben muß, erfahrbar macht, während Beuys das Kristalline von Systemen über einen primär semantisch orientierten Weg zu überschreiten versucht. LeWitt stellt den "Sprung" aus der Erklärbarkeit in die Anschauung des nicht weiter erklärbaren So-Seins, aus dem "Wie" in das "Daß", dar. Beuys geht den umgekehrten Weg: alles in der Innenschau als gegeben, als "Daß" Erkennbare, als Grundlage des "Wie" aufzuzeigen.

Arbeitsskizze Beuys zu Ehren, München 1986, VorderseiteArbeitsskizze Beuys zu Ehren, München 1986, Rückseite

LeWitt, Sol: Kopie der Arbeitsskizze für "Pyramids" mit handschriftlichen Einträgen, Ausst. "Beuys zu Ehren", Xerox, Bleistift u.a., Papier, 29,6 x 21 cm (verschickt von Sol LeWitt aus Spoleto an d.A., 16.8.1986), Ansichten: Vorder- und Rückseite.

Katalog zur Ausstellung "Beuys zu Ehren" (mit "Joseph Beuys: Zeichnungen und Objekte"): Zweite, Armin (Hg.): Beuys zu Ehren, Städtische Galerie im Lenbachhaus, München 1986, S.386f. ("Pyramids" von Sol LeWitt, Wandmalerei mit farbigen Tinten im Lenbachhaus, München. Raumgröße: 370 x 375 x 495 cm. Ausgeführt von David Higginbotham und Elisabeth Sacre. Illustration: Philipp Schönborn).

(Auszug aus: Dreher, Thomas: Joseph Beuys (†) zum 65. Geburtstag. Kritik der Ausstellungen "Joseph Beuys: Zeichnungen und Objekte" und "Beuys zu Ehren", Städtische Galerie im Lenbachhaus, München 16.7.-28.9.1886. In: das kunstwerk. Dezember 1986, S.105-108. Kritik von LeWitt´s Wall Drawing auf S.108, mit zwei kleinen Abbildungen des "Working Drawing" auf S.107. Netzfassung August 2008 mit Ergänzungen in eckigen Klammern )