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Thomas Dreher Konzeptuelle Kunst: Definition
Die Expansion der Künste ("expanded arts"/erweiterte Kunstformen) lässt sich unter den Stichworten Aktion und Konzept diskutieren. Beide Stichworte markieren den Aufbruch vom geschlossenen Kunstwerk, das auf der einmaligen Ausführung beruht (so in der gestischen Malerei), zur Notation oder zum Konzept, deren/dessen Ausführung die/der KünstlerIn anderen, nicht auf künstlerische Fertigkeiten spezialisierten Personen überlassen kann. Ausführungen können zum Beispiel bei George Brecht und Lawrence Weiner in Form von Aktionen, aber auch als Textpräsentationen auf Tafeln, Schildern und Wänden erfolgen. Die Begriffe Aktion und Konzept markieren die Probleme einer Kunst, die sich von Gattungsnormen befreit. Sie bindet sich nicht allein an Ausstellungsmöglichkeiten im Kunstbetrieb (Museen, Galerien), sondern sucht kunstexterne Präsentationsmöglichkeiten und Handlungsfelder, ohne dort den Status Kunst anzuzeigen (zum Beispiel mittels Verwendung von Charakteristika kunstspezifischer Gattungen). In der zweiten Hälfte der sechziger und in den siebziger Jahren reagieren Konzeptuelle Künstler auf die Frage nach dem Status Kunst, wie sie die nicht vorcodierten Präsentationsformen provozieren, indem sie neue Formen der Kunstreflexion in ihre Werke integrieren: Konzeptuelle Künstler thematisieren die Frage, wie über Kunst kommuniziert werden kann. Durch die Problematisierung der sozialen und ökonomischen Komponenten, die die institutionellen Rahmenbedingungen von Kunst konstituieren, und die Reflexion über deren Einfluss auf den Kunstdiskurs wird Konzeptuelle Kunst in den siebziger Jahren kontextkritisch. Der alle Lebens- und Kunstbereiche umfassende Diskursrahmen der Aktionskunst verengt sich mit Konzeptueller Kunst wieder auf Fragen des Kunstbetriebs. Es geht nicht um eine Überführung der Kunst in Lebensformen, sondern um die Auslotung von Möglichkeiten, den Diskurs über Kunst und kunstexterne Präsentationsformen aufeinander zu beziehen. Die theoretischen Konsequenzen aus intermediären Präsentationsformen und ihrer (Nicht-)Institutionalisierung loten Konzeptuelle KünstlerInnen bis zu einer theoretischen Differenzierung aus, die den zeitgenössischen Diskurs über Ready-Mades und Objektkunst sowie die unkritische Integration dieser Präsentationsformen in den Kunstbetrieb (als neue Gattung) als ungenügend ausweist. Charakteristisch für Konzeptuelle Kunst ist nicht die Einführung neuer Präsentatiosformen, sondern die Rekombination bereits eingeführter Präsentationsweisen, Durch den semantischen Anstieg (von a zu c) - durch die Präsentation von Reflexionen über Kunsttheorien und den Kunstbetrieb im und als Werk - wird von Seiten der Künstler eine Strategie zur Schaffung eines erweiterten Diskursrahmens über Kunst eingeführt. In diesem Diskurs sollen institutionalisierte Verfahren, die zur Bestimmung des Status Kunst führen, kritisch geprüft werden. Konzeptuelle Künstler problematisieren die Abhängigkeit ihrer Arbeit von institutionalisierten Rahmenbedingungen. Sie sorgen für die Integration dieser Kritik in museale Rahmenbedingungen, indem sie ihre Modelle und Theorien auch in Ausstellungen lancieren. Durch diese Selbsteinbettung in den Kunstbetrieb wird die Kontextkritik zwar unter Bedingungen der kritisierten Umstände vorgestellt, sie kann aber im direkten Affront wirkungsvoller argumentieren.
Konzeptuelle Kunst lässt sich als Kontinuum zwischen zwei Polen rekonstruieren. Das 'Feld' von Konzeptueller Kunst erstreckt sich von geplanten Werken, deren Realisationen die Relation zwischen "conception" and "perception" thematisieren, über "semantischen Anstieg" zu einer theoretisch orientierten Kunst-über-Kunstbetrieb. Es ergeben sich folgende drei Bereiche: 1. Die Grenzen der etablierten Kunstgattungen Malerei und Skulptur werden überschritten, um Übergänge und Beziehungen zwischen ihnen herzustellen, nicht aber, um Kunst für neue Präsentationsmöglichkeiten zu öffnen. So koppeln Sol LeWitt und Mel Bochner Wand- und Bodenmalereien oder -zeichnungen mit plastischen Elementen. Das Medium Fotografie wird in einigen Fällen integriert, um mit seiner Hilfe die Relationen zwischen zwei- und dreidimensionalen Präsentationsformen zu klären. Fotografie und Zeichnung geben in Bochners "Three drymounted photographs and one diagram" (1966) und LeWitts "All Variations of Incomplete Open Cubes" (1974) je verschieden Dreidimensionales in Zweidimensionalem wieder. Ein Kontinuum wird entwickelt zwischen Repräsentation von Dreidimensionalem auf flachen Trägern und Aspekten wie Linie, Fläche und Volumen, die als Vokabular abstrakter Kunst vertraut sind.
Für Konzeptuelle Kunst charakteristisch sind:
- Selbstbezüglichkeit durch Semantisierung statt durch Bezüge von Kunstformen auf Kunstformen; Diese Thesen definieren Konzeptuelle Kunst als eine Kontextuelle Kunst-über-den-Kunstbetrieb, die die Selbstbezüglichkeit von Ad Reinhardts "art-as-art"-(Anti-)Dogma von 1962 von der formalen auf eine metasprachliche Ebene hebt, und den Selbstbezug vom Referenzpunkt Kunstwerk auf den Referenzpunkt 'Institution Kunst' verschiebt. Dem "semantischen Anstieg" zur metasprachlichen Reflexion korrespondiert eine Pragmatisierung durch Selbsteinbettung künstlerischer Arbeit in den Kontext Kunst. Die Differenz zwischen Selbsteinbettung in und Anpassung an den Kunstbetrieb wird zum Thema einer kritisch die eigene Arbeit im Kontext verortenden Reflexion. Von dieser Konzeptuellen Kunst sind Künstler wie John Baldessari, Jan Dibbets oder Timm Ulrichs zu unterscheiden, die sich mit 'konzeptuellen Aspekten' auseinandersetzen. Thomas Dreher 2005/2026 Dieser Text fasst folgende Texte des Autors mit gleichem Titel zusammen:
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